Pastel Blues – Nina Simone
Es ist unmöglich, über Musik zu bloggen, ohne früher oder später etwas zu Nina Simone zu schreiben. Sie hat viele grossartige Alben geschaffen – und andernorts ist sicher schon alles gesagt, was es zu ihrer Musik zu sagen gibt. Zu einer ihrer Schallplatten, auf die ich über Jeff Buckley gestossen bin, folgen trotzdem einige Gedanken. Die Tiefe und Tragweite der LP hat mir jüngst ein Dokumentarfilm erschlossen.
«What happened, Miss Simone?»
Seit einigen Monaten läuft auf Netflix ein IMHO grossartiger Dokumentarfilm über die Musikerin (2015, 102 Min), der auch auf der Berlinale zu sehen war. Liz Garbus hat mit Archiv-Material und eigenen Filmaufnahmen inkl. Interviews mit Ninas Tochter ein eindrückliches Porträt der Ausnahme-Sängerin gezeichnet: jung als Klavier-Talent entdeckt, das Ziel der ersten afroamerikanischen Konzertpianistin vor Augen, dann aber Gelderwerb als Bar-Pianistin, Shooting-Star der Jazz-Szene, Heirat und Eheglück mit Tochter, später überschattet von häuslicher Gewalt mit Depression und Suizid-Gedanken.
Auch das intensive Engagement der «High Priestess of Soul» für die US-Bürgerrechtsbewegung mit den teils heftigen Karrierefolgen wird thematisiert. Sie trennt sich vom Ehemann, flieht geradezu nach Afrika, später folgen Verarmung, kleine Auftritte in Paris und schlussendlich ihre diagnostizierte Krankheit (Borderline). Dennoch späte Konzerterfolge in der Jazzszene wie z. B. der von Montreux, die sich vor dem Charisma dieser aussergewöhnlichen Musikerin verneigt.
«You cannot be an artist and not reflect the truth»
Nina Simone
«Remarkable Sound» – Blues mit Pastell-Tönen
Für mich bündelt das Album «Pastel Blues» eindrücklich die Gefühlswelt von Nina Simone aus einer Zeit, in der sich die Künstlerin vermutlich am Scheideweg befand. Die Songs spiegeln ihre Zerrissenheit wider, sie bewegen sich zwischen Sehnsucht nach Eheglück und Liebe (‚Be my husband‘, ‚Tell me more and more and then some‘), den Spuren häuslicher Gewalt und Verlassenheit (‚End of the line‘) sowie ihrer Verbundenheit mit der Bürgerrechtsbewegung. ==> Album Lossless auf Tidal
Alles gipfelt im Höhepunkt der Schallplatte – Ninas Interpretation von ‚Strange fruit‘. Dieser Song atmet die Trauer und Wut, welche die Künstlerin wohl empfunden hat angesichts der eskalierenden Gewalt und den Lynch-Morden an der afroamerikanischen Bevölkerung in den 1960er Jahren: «black bodies swinging in the southern breeze, strange fruit hanging from the poplar trees». Ihre mitunter samtweiche Stimme, wie sie auf dem Album «Little Girl Blue» zu finden ist, hat in besagtem Song eine raue, verzweifelte oder gar wütende Konnotation. Sie klagt an und mahnt. Und sie ist zugleich verbittert angesichts der Ungerechtigkeit, die afroamerikanischen Menschen widerfuhr – und heute noch widerfährt.
Eine zeitlose Perle
Zwei Songs dieser Schallplatte hat Jeff Buckley in seinen Live-Konzerten im Village aufgegriffen (Legacy Edition, Live at Sin-é, 2003). Neben ‚Strange fruit‘ war seine Version von ‚Be my husband‘ für mich ausschlaggebend, diesen Song weiterzuverfolgen. Dadurch bin ich auf «Pastel Blues» gestossen. Eine zeitlose Perle der Musikerin, die mit kleiner Besetzung und oft puristischen Arrangements einen musikalischen Meilenstein setzt.
Happy listening! And Happy New Year – mit vielen Glücksmomenten beim Crate Digging!
Sehenswert
«You didn’t forget me…» – ihre legendäre Live-Performance in Montreux (1976)

