«In the mood(s) for movies» – The Cinematic Orchestra
Eigentlich wollte ich als nächstes über John Milk «Treat me right», Underdog Records und damit Funk/Soul schreiben. Hole ich bald nach. Versprochen. Aus gegebenem Anlass ein Beitrag über eine Band, die zu den altgedienten Künstlern von Ninja Tune zählt: das Cinematic Orchestra.
Grosses Kino
Vor wenigen Tagen hat das Cinematic Orchestra im Zürcher Jazzclub «moods» gastiert. Ihr einziger Auftritt in der Schweiz. Ein epischer Event. Das Konzert der Formation um den DJ und Multi-Instrumentalisten Jason Swinscoe zählt mit zu den Besten, die ich hören durfte. Grosses Kino. Was als Freizeit-Projekt einiger Musiker in den 1990ern begann, hat längst die grosse Leinwand erobert. Warum also nicht ein wenig in der «Film-Musik» des Cinematic Orchestra stöbern…
Fans der ersten Stunde verfolgen die Musiker spätestens seit dem Album «Motion», das kurz vor der Jahrtausendwende erschien (1999, ZEN 45). Neben sphärischen Klängen durch Streicher und Gesangs-Fragmente prägen treibende Schlagzeug-Rhythmen die Tracks. Improvisierter Jazz getragen von schweren Bass-Linien und Samples. Vor allem die «Channel 1 Suite» mit ihren Shirley Bassey-Fragmenten hat dem Album breite Aufmerksamkeit beschert.
Gänsehaut
Richtig auf dem Radar hatte ich das Cinematic Orchestra seit ihrem grandiosen Stummfilm-Projekt «Man with the Movie Camera» (2003, ZEN 78). Vertont wurde ein russischer Dokumentarfilm aus den 1920er Jahren. Für mich herausragend ist «Awakening of a Woman» – ein dichter verwobener Klangteppich, dessen Rhythmik und Elektronik-Elemente Gänsehaut verursachen. Ähnliche Wirkung erzielen die Tracks auf «Every day» (2002, ZEN 59 X), das mit der Soulsängerin Fontanella Bass eingespielt wurde.
«Eintauchen in Musik, die tröstet…»
Der tragende Gesang der mittlerweile verstorbenen Sängerin ist auch auf «Ma Fleur» zu finden (2007, ZEN 122). Eines meiner Lieblingsstücke auf dieser Scheibe ist «Breathe», das ein wenig den Wandel in der Musik des Cinematic Orchestras verkörpert: weniger Drums und Rhythmik, mehr Melodie und Harmonie. Athmosphärische Klänge, in die man eintaucht, die einen wegtragen und verschlingen, wie auszugsweise der Song-Text verrät: «… oh that song that you’re singing, singing into me, slow and sweet, it carries me out to sea and swallows me into the deep and comfort me…».
Lesenswert – «riesiger Fundus»
Inoffizielle Website mit vielen Informationen zum Cinematic Orchestra (Biografie, Diskographie, Videos, Bildern u.v.m.)
Live-Aufnahmen und «Gute-Nacht-Geschichten»
Zu den legendären Alben des Cinematic Orchestra zählt auch die Live-Aufnahme aus der Londoner Royal Albert Hall (2007, ZEN 141). Ab dem Moment wollte ich die Formation live sehen und war fast ein wenig nervös vor ihrem Zürcher Konzert: Wenn sich jetzt das jahrelange Warten nicht gelohnt hat? Wieso im kleinen Jazz-Club und nicht auf grösserer Bühne?

Episch – «Breathe» vom Cinematic Orchestra live im Jazzclub «moods», Zürich, November 2015 | Photo: Ralph Schulten
Völlig unbegründet. Ein fantastisches Konzert! Was mich im «moods» besonders fasziniert hat: Die Nähe zu den Musikern. Fast schon «Wohnzimmer»-Atmosphäre wegen der kleinen Bühne. Man ist mitten drin. Bekommt mit, wie Swinscoe dirigiert und Einsätze gibt. Spürt die Spielfreude der Musiker – viele Virtuosen, die sich in unterschiedlichen Genres bewegen können und als ein harmonierendes Ganzes fungieren.
Was das Konzert aber auch viele Songs vom Cinematic Orchestra prägt ist der feinfühlige Aufbau von Spannungsbögen. Das ist eindrücklich bei «All that you give» zu Hören. Ausserdem versteht sich die Formation auf die Kunst, Pausen zu machen, Klänge einfach mal stehen und nachschwingen zu lassen.

Hörenswert vom TCO ==> Diskographie
Vorfreude angesagt – neues Album 2016
Man darf übrigens gespannt sein. Im Frühjahr 2016 erscheint ein neues Album des Cinematic Orchestra. Beim Konzert im «moods» wurde einer der neuen Songs zum Besten gegeben: «Jaybird».
Das neue Material erinnert an Electronica wie z. B. vom Label-Kollegen Bonobo. Es enthält deutlich weniger Jazz-Elemente als die frühen Sachen. Schade eigentlich, aber es dürfte dem Erfolg der Gruppe vermutlich keinen Abbruch tun – im Gegenteil.
P. S. Wegen dem TCO bin ich seinerzeit auf die «Late Night Tales»-Compilations aufmerksam geworden, die hier im Blog schon Thema waren. Fünf Jahre lang hat Swinscoe die Songs für diesen Mix zusammengetragen (2010, ALNLP22).
P. P. S. @Ole: 1000 Dank für deinen Hinweis 2004 auf «Man with the Movie Camera»!
Hörenswert
«Awakening of a Woman» vom Album «Man with a Movie Camera».
Sehenswert
«Breathe» live (2007), schon etwas «Gänsehaut»-Effekt, der IMHO beim Konzert im «moods» aber unübertroffen war.
