Shortcuts #7 – A 2017 Retrospective
Das Jahr war kurz. Ereignisreich und kurz. Jedenfalls zu kurz, um all die spannende Musik zu hören geschweige denn zu würdigen, die 2017 erschienen ist. Vor einem Jahr gab es den ersten musikalischen Jahresrückblick im Stereotec-Blog. Zeit, den zweiten zu starten.
«Kaum ist die Nabelschnur ab, stehen wir alle auf dem Schlauch…»
Hier gibt es wieder eine rein persönliche Auswahl von Alben, die in den letzten 12 Monaten auf Heavy Rotation liefen. Über verschiedene Genres hinweg und ganz ohne Rangordnung. Und wer wissen will, was es mit dem «Nabelschnur»-Zitat auf sich hat, wird tiefer einsteigen müssen…
Neuseeland No.1: Aldous Harding – Party (2017) – Habe mich schon in einem früheren Stereotec-Blog als Fan der Neuseeländerin geoutet. Auf ihr akustisches Debüt folgt dieses ruhige, immer noch düstere Werk. Neues Label (4AD), neuer Sound? Bedingt. Immer noch viel Melancholie. Der Opener ist zugleich on Heavy Rotation: «Blend».
Liedgut: Gisbert zu Knyphausen – Das Licht dieser Welt (2017) – Songs, die von Leid, Trauer und Verzweiflung durchdrungen sind. Und doch vor allem Hoffnung, Freude, Liebe atmen. Wunderbare Lyrik, die nachdenklich stimmt und inne halten lässt. Zum Beispiel der Text bei «Kommen und Gehen», obwohl der Titel-Song musikalisch tiefer ist.
Virtuose Kraft: Thomas Demenga – J.S. Bach: Suiten für Violoncello – Die Cello-Suiten zählen für mich mit zum Eindrücklichsten, was Bach geschaffen hat. Bislang waren die Einspielungen von Yo Yo Ma, Janosz Starker und natürlich Pablo Casals für mich der Standard. Neu hinzu kommt Demenga. Der Schweizer brilliert durch kraftvolle Ästhetik.
Female Voice: Feist – Pleasure (2017) – Die Musikerin war schon bei «Pain & Relief» Thema im Stereotec Blog. Gilt das als Alternative? Ist es schon Pop? Oder Folk? Egal, die Kanadierin hat grossartige Tracks geschaffen, die vielfach an PJ Harvey erinnern. Heavy Rotation: «I wish I didn’t miss you».
Wer Tidal nutzt – hier gibt es die Playlist zur diesjährigen Retrospective» mit einigen Favoriten!
Soundtrack: Various Artists – Wind River (2017) – Wieder ein Score von Nick Cave und Warren Ellis (I know, schon letztes Jahr dabei). Dunkler, beklemmender Film mit Jeremy Renner im winterlichen Nordamerika zu Mord, Trauer und Verlust, über ‚First Nation People‘ … und v.a. Kälte, die sich in der Musik widerspiegelt. Heavy Rotation: «Bad News».
Neuentdeckung: Roforofo – Same (2017) – Das deutsch-isländische Duo war Thema im letzten Blog. Grossartiger ‚NuBlues‘, rauhe Sound-Perlen, ungeschliffene Diamanten voll Emotion und improvisierender Spielfreude. Immer noch auf Heavy Rotation: «Did we do enough today» aber auch «Take me back».
Sampler: Various Artists – The American Epic Sessions (2017) – Folk, Gospel und Blues vom Feinsten. Ursprünglich gespielt, usprünglich aufgenommen. Vom gleichnamigen Dokumentarfilm, mitgewirkt haben Jack White und T-Bone Burnett. Heavy Rotation: «Killer Diller Blues» mit den Alabama Shakes und «Closer Walk with Thee» der Avett Brothers.
Neuseeland No. 2: Nadia Reid – Preservation (2017) – Noch eine Perle aus der Heimat von Aldous Harding, zudem Musikkollegin von ihr. Ruhiges Werk, Akustisch geprägt, getragen von Reids weicher Stimme. Nicht vom nüchternen Album-Cover abhalten lassen. Heavy Rotation : «Hanson St, Pt. 2 (A River)»
Scandinavian Blues: Bror Gunnar Jansson – And the Great Unknown, Pt. 2 (2017) – Schwedische ‚One-Man-Band‘, nicht nur modisch sondern auch musikalisch überzeugend durch authentischen Stil. Düstere Geschichten von Gesetzeslosigkeit, Gewalt und Wettbetrug beim Boxen, geradezu inspiriert von Pulp Fiction. Heavy Rotation: «Edward Young took his gun».
UK Hip-Hop: Loyle Carner – Yesterday is Gone (2017) – Grossartiges Debüt, vielversprechendes Talent. Tipp vom Sohnemann, gemeinsam auf Carners Konzert in Zürich gewesen, Live der Wahnsinn! Sprachgewaltig, wortgewandt, schnell auf satten, Soul-geschwängerten Beats. Favorit: «Stars & Shards».
Alternative: Kurt Vile, Courtney Barnett – Lotta Sea Lice (2017) – Vile als grossartiger Gitarrist mal ‚Down Under‘ unterwegs. Wie kommt man bloss auf so einen Album Titel? Egal. Grossartiges Song-Writing, wer ausgefallene Stimmen mag, beide sicher nicht jedermanns Geschmack. Heavy Rotation: «Peepin‘ Tom».
Alternative No. 2: Daniele Luppi, Parquet Courts – Milano (2017) – Konzept-Album von Luppi, der schon mit Danger Mouse Italo-Musik gewürdigt hat. Diesmal zurück in die 1980er Jahre Mailands, fast-track (Drogen) und Modeleben (Versace). Erinnerungen an Velvet-Underground kommen auf. Opener = Heavy Rotation: Soul and Cigarettes.
Hier noch ein paar «honorable mentions», für die leider kein Platz mehr ist: Angus and Julia Stone «Snow» (kickt aber – noch – nicht so wie das Solo-Projekt von Angus, Dope Lemon); Robert Plant «Carry Fire» (immer wieder grossartig, wie Plant Orientalisches einbettet); Ryan Adams «Prisoner» (hier finde ich eigentlich die Auskoppelung der «B-Sides» fast besser); Curtis Harding «Face your fear»; Fink‘s «Saturday Night Blues Club No. 1» und sein Album «Resurgam»; A Blaze of a Feather «Same» (Ben Howard wirkt hier mit! Also sehr ruhige Scheibe…); Andràs Schiff und Yuuko Shiokawa «Bach – Busoni – Beethoven» (eine weitere Perle von ECM); This is the Kit «Moonshine Freeze» oder noch Phoebe Bridgers «Stranger in the Alps» und von Jeff Tweedy «Together At Last».
Und Eure Lieblingsalben 2017?
Happy Listening – and Happy New Year!