Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

Short cuts #6 – pain and relief

Hier ein erster topical Blog, also eher themenorientierter Beitrag. Er knüpft ein wenig an die Retrospectives 2016 an, die schon schwere Themen enthielt: Tod, Trauer und Tragödien, die das Jahr geprägt hatten. Und aktuelle weltpolitische Ereignisse stimmen einen auch nicht gerade fröhlich…

Race4Life – Vom Schmerz zur Linderung
Dieser Blog basiert auf einem rein persönlichen Moment: Meiner ersten Teilnahme an einem Charity-Bike-Race für Menschen mit Krebs, das vor drei Wochen in Bern stattfand. Dort ging es auf und ab. Berg-und-Tal-Fahrten symbolisierten den beschwerlichen, schmerzlichen Weg, den eine so schwere Krankheit mit sich bringt.

Beim Race auf dem Velo ging mir immer wieder Musik durch den Kopf, die – irgendwie – solche von Schmerzen, Linderung und Hoffnung geprägte Krankheitserfahrungen ausdrückt. Daher hier eine rein subjektive Auswahl, quasi der Soundtrack meiner Teilnahme am Race4Life. Nicht Genre-bezogen, aber anders als bei den Retrospectives mit einer thematischen Abfolge: Vom Schmerz zur Linderung, von der Hoffnungslosigkeit und Trauer hin zur Perspektive und zum «Licht am Horizont».

 

Rabat in HeadlightsPure Verzweiflung: UNKLE – Rabbit in headlight (1998) – Dunkler Track von James Lavelles grossem Erstlingswerk «Psyence Fiction», gesungen von Thom Yorke. Der Song atmet Verwirrung, Furcht und tiefe Verzweiflung, inspiriert vom Film «Jacob’s ladder», aus dem ein Sample stammt: «If you’re frightened of dyin‘ and you’re holding on, you’ll see devils tearing your life away…». Angst vor dem Verlust der Seele.

 

Lera LynnVerlust: Laura Lynn – My least favorite life (2016) – Vom Soundtrack der düsteren TV-Serie «True Detective», den T-Bone-Burnett geschaffen hat. Lynn taucht wiederholt auf einer Mini-Bühne in einer verrauchten Bar auf. Nur etwas Reverb auf der E-Gitarre, der Rest ist Lynns Stimme. Einsam, verlassen und enttäuscht sein. Es bleiben Erinnerungen, ansonsten nur der grosse Verlust: «a lifetime goes up in smoke…».

 

FeistVerlust #2: Feist – Wish I didn’t miss you (2017) – Vom aktuellen Album «Pleisure». Auch hier: Einsamkeit, Rückzug, Verlust und emotionale Isolation. Feist ist wort-, klanggewaltig und puristisch. Ungeschliffen die Aufnahme, ohne rauh zu sein: der rauschende Amp und die Akustikgitarre reichen ihr als Plattform. Als sänge sie über den Schmerz im Wohnzimmer: «I felt some certainty you must have died, because how could I live if you’re still alive?».

 

Hilflosigkeit: The Be Good Tanyas – Junkie Song (2003)* – Was tun, wenn andere leiden? Beim Nachtspaziergang trifft die Sängerin auf Obdachlose und Drogenabhängige. Begegnungen, die aufzeigen, wie der Alltag oft ablenkt vom Leid und von Sorgen Anderer. Und will man helfen, existiert ein Dilemma: «And what am I supposed to do? There are too many of you». Rauher Folk-Gesang, einfach und doch eindrücklich arrangiert.

 

DownHoleAbhängigkeit: Alice in Chains – Down in a hole (1996) – Ein  weiterer energetischer Song zu Drogen. «Unplugged»-Version der Seattle-Band um  Layne Staley, auf dessen Tod 2002 dieser Track fast seine Schatten vorauswirft. Der Sänger war mit nur 34 Jahren verstorben, hat in AiC Liedern wiederholt tief in die Abgründe von Drogen und emotionaler Verzweiflung blicken lassen: «Down in a hole, losing my soul, I’d like to fly but my wings have been so denied».

 

MolinaDepression: Jason Molina – It is easier now (2006) – Eine schwere emotionale Ballade des ebenfalls jung verstorbenen Songwriters (Kudos, Peter, für die Empfehlung!). Wenige Klavierakkorde, gehauchte Gitarren-Riffs, rauschender Amp im Hintergrund. Depressive Poetik, Zerrissenheit und vielleicht doch ein Hoffnungsschimmer? Aber der Schmerz dominiert, der Tod wird zur Erlösung: «It’s easier when I just admit, death comes now…».

 

Shortcuts #6-Playlists – Zum aktuellen Blog «pain & relief» gibt es die Playlists mit (fast!) allen Songs auf 

Tidal

Qobuz

 

LordHuronBeziehungsschmerz: Lord Huron – The Night We Met (2015) – Wer den «13 Reasons Why»-TV-Hype mitgemacht hat, kennt diesen Song. Witzig: Ryan Adams hat das Album «Strange Trails» erst vor kurzem entdeckt. Thema: Verliebt-sein, aber falscher Beziehungsbeginn, Krisen-gebeutelt, verfolgt vom Wunsch, es wäre anders gelaufen, um den Verlust zu vermeiden: «I had all and then most of you some and now none of you».

 

BrorGunnarWiderstand: Bror Gunnar Jansson – I ain’t goin‘ down that road no more (2017) – Mal wieder eine FIP-Entdeckung. Der Schwede bringt als Ein-Mann-Band Delta-Blues nach Europa. Dieser Song erinnert an? Ganz klar – Pulp Fiction, warum sonst heisst der Erzähler «Butch» und dreht sich alles um manipulierte Box-Wetten, Flucht, das Aufbegehren gegen Mächtige? Leichter Latin-Flavor gepaart mit einem schweren Groove. Deep.

 

ErasedTapesMelancholie: Ólafur Arnalds – Poland (2012) – Arnalds war schon bei den Retrospective-Shortcuts dabei, dieser Track war ein Aha-Moment seiner KEXP-Live Session in Reykjavik. Grossartig, wie hier der Isländer live das Publikum per Sample einbezieht. Zwar soll der Song auf einem Saufgelage basieren, Arnalds versteht es aber glänzend, Schwere und Melancholie einzuweben. Wunderbar kombiniert mit Streichinstrumenten.

 

JesseJamesMelancholie #2: Nick Cave & Warren Ellis – Song for Bob (2008) – Aus der Verfilmung, in der Brad Pitt den depressiven Jesse James mimt. Ein erstklassig besetztes Epos, dazu die schwermütige Musik der Australier, die seit Mitte der 1990er Jahre Filmmusik machen. Der Track gilt Robert Ford, dem Fan des schon zu Lebzeiten berühmten Outlaws, bestrebt, aus dessen Schatten zu treten. Zaghafte Melodien, suchend-hoffend…

 

TalkTalkAkzeptanz: Talk Talk – I believe in you (1988) – Kein Geheimnis: Dieses Album ist eine meiner LPs für die einsame Insel. Mark Hollis singt hier über Heroin und die Flucht aus der Realität. Trauer und Schmerz werden getragen von tiefen Basslinien und einer schwermütigen Orgel, als wolle sie die Seele mitnehmen und Akzeptanz des nahenden Endes vermitteln: «a time to sell yourself, a time for passing…».

 

CaliforniaVerlangen: John Craigie – I am California (2017)* – Ein zeitkritischer Songwriter, dieser Craigie, mit viel Wortwitz. Mit diesem Song tankt man Sonne, spürt Sand und Wellen der US-Westküste unter den Füssen, atmet den Duft der Redwoods – oder anderer Kräuter, die sich positiv aufs Gemüt auswirken. Wohlbefinden eben: «Make love on my beaches, smoke all my weed, I am Califonia, can’t you see, wherever you roam, you’ll always want me».

 

SoSehrDabeiUrvertrauen: Clueso – Barfuss (2008) – Wer mal einen Schritt aus der eigenen Komfortzone gewagt und Neuland betreten hat, kennt das Gefühl. Unbehagen, Unsicherheit usw. vor dem was kommen mag. Gleichzeitig prickelnde Vorfreude auf die kommenden Ereignisse. Geht mir aktuell genauso, das Lied von Clueso vereint alles in einem Spaziergang und Tanz auf Glas.

 

Tom WaitsHoffnungsbotschaft: Tom Waits – Hold on (1999) – Zu guter Letzt ein Song aus den «Mule Variations». Für viele vielleicht nicht Waits‘ stärkste LP, aber dieser Song ist in dunklen Stunden eine flackernde Kerze, Licht am Ende des Tunnels, Ermutigung zum Durchhalten und die Zusage, die letzten Meter gemeinsam zu gehen: «Babe, you gotta hold on, take my hand, I’m standing right here, you gotta hold on».

Am Schluss doch ein wenig Hoffnung und Licht in dieser eher düsteren Playlist. Dennoch erlaube ich mir ein vorsichtiges «Happy Listening»!

_______

Die mit * markierten Songs finden sich nicht in der Qobuz-Playlist, nur auf Tidal. Oder auf Vinyl. ? Sorry, folks!