Short cuts #4 – 2016: Retrospective
Jedes Jahr füllen sie (Musik-)Zeitschriften. Und werden über soziale Medien verteilt: Listen. Die besten Newcomer, Alben, Singles, Soundtracks etc. Des Jahres, Jahrzehnts, eines Genres usw. Es wird Zeit, dass auch der Stereotec-Blog (s)einen musikalischen Jahresrückblick bekommt. Here we go.
«Das Jahr war hässlich, aber wir haben die Musik.»
Ein ehrliches, zutreffendes Statement von Maik Brüggemeyer im aktuellen Rolling Stone. Die Beweisführung zu dieser Aussage erübrigt sich und ist in der Tagespresse nachzulesen. Vom politischen Desaster (Trump) über humanitäre Katastrophen (Aleppo) bis hin zum Tod bekannter Persönlichkeiten: Bowie, Cohen, Prince, Muhammad Ali, Keith Emerson… Folgt man Brüggemeyers Analyse, findet sich vielerorts Tod, Trauer, Terror und Tragödie. Aber eben auch grossartige Musik aus diesem ansonsten recht schwarzen Jahr. Hier meine persönliche Auswahl, eher Genre-bezogen und ohne Rangordnung.
Edelstein: Radiohead – A Mood Shaped Pool (2016) – Findet sich in zahlreichen ‚Best of‘-Listen und in einem Sommer-Blog. Ein ruhiges sphärisches Meisterwerk mit orchestralem Charakter. Immer noch erkennbar: die einstige Rockband mit Thom Yorkes prägnanter Stimme. Der rebellische Charakter früherer Alben ist ausgereifter Melancholie gewichen. Favorit: The Numbers.
Neo-Soul: Michael Kiwanuka – Love & Hate (2016) – Mal Soul, mal Blues, mal Folk. Dieses Opus vereint etliche Genres in graziösen Arrangements. Es klingt üppiger als sein Vorgänger und ist breiter aufgegriffen worden, z. B. treffend düster in der Netflix-Serie ‚The Get Down‘ zu den Wurzeln des HipHop. Favorit: Black Man in a White World.
Jubiläum: Temple of the Dog – Same (2016/1991) – Kaum zu glauben, dass dieses Album schon vor 25 Jahren veröffentlicht wurde. Quasi eine ’super group‘ des Grunge mit Chris Cornell und Eddie Vedder. Gewidmet dem verstorbenen Frontmann von Mother Love Bone. Traurig, erdig, kantig, rauh. Deluxe-Version mit Demo-Aufnahmen. Favorit: Wooden Jesus.
Indie-Stimme: Bree Trenter – Another Night on Earth (2016) – Bin via Matt Corby auf diese australische Sängerin aufmerksam geworden. Fast elfenhaft der Gesang auf ihrem Debut-Album, das einen in schwindelige Höhen entführt. Elektronica- und Pop-angehaucht mit markanter Querflöte. Klanglich hervorragend aufgenommen. Favorit: Tuesday Fresh Cuts.
Für Tidal-User – die Playlist zu den Stereotec-Shortcuts #4 «2016: Retrospective» mit den Favoriten!
Soundtrack: Various Artists – Hell or High Water (2016) – Filme gewinnen immens durch Scores von Nick Cave und Warren Ellis (The Proposition, Jesse James, Lawless). Dieser düstere Western mit Jeff Bridges, Chris Pine und Ben Foster atmet texanische Melancholie à la Townes Van Zandt. Favorit (neben Van Zandts ‚Dollar Bill Blues‘): Sleeping on the Blacktop von Colter Wall.
Neuentdeckung: Colter Wall – Imaginary Appalachia (2015) – Zugegeben: nicht ganz aktuell, aber dieses Jahr auf dem vorherigen OST entdeckt. Americana pur, ein Singer-Songwriter mit Blues, Bluegrass und Folk-Einflüssen, dessen tiefer Bariton an Johnny Cash und Tom Waits erinnert. Überzeugt solo mit Gitarre und Kick-Drum. Favorit: Devil wears a suit and tie.
Sampler: Ólafur Arnalds – Late Night Tales (2016) – Die Late Night Tales Serie begeistert immer wieder. Daher taucht sie wiederholt im Stereotec Blog auf, so auch diese Compilation des Isländers, der exzellent mit Nils Frahm zusammenarbeitet. Gekonnt kombiniert, mit Einblick in isländische Folklore. Favorit: immer noch Ethereal von Hjaltalin.
Weltmusik: Ólafur Arnalds – Island Songs (2016) – Noch mal Arnalds. Eine audio-visuelle Zeitreise durch sein Heimatland. Über sieben Tage hinweg war der Komponist an sieben verschiedenen Orten und hat seine Kompositionen mit lokalen Künstlern vertont. Sowohl Neo-Klassik als auch World Music. Einzigartig. Favorit (allerdings englische Vocals): Particles
Neo-Klassik: Federico Albanese – The Blue Hour (2016) – Der Italiener bewegt sich zielsicher zwischen Klassik, Ambient aber auch Pop. Für blauen Stunden als Übergang zwischen Tag und Nacht genau das Richtige. Auch dieses Album ist melancholisch-entrückt, gleichzeitig klanglich ausgewogen durch eine komplett analoge Aufnahme. Favorit: Migrants.
Hip-Hop: A Tribe Called Quest – We got it from here… Thank you 4 your service (2016) – Fulminantes Comeback von Meistern des Conscious Rap und eine zeitlose Hommage an den verstorbenen MC Phife Dawg. Sozialkritische Texte zu brennenden Themen wie Rassismus mit (leider unerfüllter) Hoffnung auf einen anderen Ausgang der US-Wahl (The Donald). Favorit: Whateva Will Be.
Retro: Riley Walker – Golden Sings That Have Been Sung (2016) – Ein Gitarrist aus Chicago, der stilsicher zwischen Folk, Jazz, Blues und Rock wandelt. Seine Hippie-Musik ist mit einer ordentlichen Prise Vintage gewürzt. Unbedingt die ‚Deep Cuts Edition‘ anhören, es warten epische Instrumental-Sessions, etwa beim Favorit: Sullen Mind (Live).
Jazz: Matthew Halsall – On the go (2016/2010) – Quasi eine Verneigung an das Schaffen von Jazzgrössen wie Miles Davis, Art Blakey und Max Roach in den 1950er und 1960er Jahren. Das mit dem Gilles Peterson Jazz Award ausgezeichnete Album bringt als Special Edition von 2016 drei weitere Tracks mit, u. a. diesen Favorit: Breathless.
Belassen wir es bei einem vollen Dutzend. Auch wenn es schmerzt, weil einige Scheiben nicht gelistet sind, z. B. Tindersticks (Waiting Room), Nick Cave (Skeleton Tree), Hope Sandoval (Until the Hunter), Conor Oberst (Ruminations) oder Bon Iver (22, A Million).
Und was findet sich auf Eurer Short List zu 2016?
Happy Listening – and Happy New Year!