Talk Talk – Spirit of Eden
Über dieses geniale Album zu schreiben ist eigentlich unmöglich. Ebenso wenig über seinen Nachfolger und das anschliessende Solo-Album von Mark Hollis, dem Master-Mind der 1980er Jahre New-Wave-Band Talk Talk. Hier der zaghafte Versuch einer Annäherung an ein gleichermassen mysteriöses wie meisterhaftes Opus.
Zuerst die Hits, dann die Spannung
«Erst nach den Hits wurde die Musik spannend», schrieb Christoph Dallach mal auf Spiegel Online. Stimmt. Die konventionellen Chart-Breaker der britischen Band wie «Such a Shame» waren damals völlig an mir vorbeigegangen. Ende der 1980er Jahre drehte sich auf meinem Plattenteller Howlin’ Wolf, Jimi Hendrix und Led Zeppelin.
Als 1988 «Spirit of Eden» erschien, war ein bekennender Talk Talk-Fan aus meinem Freundeskreis wohl einer der Ersten in den Läden, um es zu kaufen – und es dann enttäuscht an uns weiterzureichen. Nicht seins, weil so gänzlich anders als das Vorherige. Zum Glück! Ohne Kenntnis ihrer Chart-Hits zog mich dieser Geniestreich der britischen Band sofort völlig in seinen Bann. Vor allem der Song «Inheritance».
Genre-übergreifendes Stil-Experiment
Vielerorts wird «Spirit of Eden» als psychedelisch beschrieben. Bin da nicht so sicher. Für mich ist es eines der atmosphärisch dichtesten Alben, das ich – jenseits des Jazz – je gehört habe. Atemberaubend. Es strahlt Ruhe und Tiefe aus, Dunkelheit macht sich breit, bis sich dann nach einem wuchtigen machtvollen Gewitter Farben und Sonnenstrahlen durchsetzen: «The Rainbow».
«Spirit of Eden» auf Tidal anhören – ein ziemlich dynamischer Hörgenuss, in der Klangqualität nur noch übertroffen von «Laughing Stock»
Die sphärische Musik ist von Hollis’ entrücktem, dynamischen Gesang durchdrungen. Mal getragen von spirituell angehauchten Chören. Dann wie in «I believe in you» mit einem ruhigen, dennoch bestimmenden Beat unterlegt, der einen wegträgt. In «Desire» fusionieren Jazz-Elemente mit treibenden Gitarren-Riffs, um sich gegen Ende des Songs in einem Sound-Gewitter zu entladen. Emotional aufgeladen. Pure Eleganz. Bestechende Einfachheit.
Meine Musik für die einsame Insel
Musste übrigens schmunzeln. In mehreren Online-Kommentaren und Foren ist davon die Rede, sich dieses eine wunderbare Album zu schnappen, wenn das Haus brennt. Oder es mit auf die einsame Insel zu nehmen. Sehe ich genauso. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen hat diese Platte für mich nichts an Faszination eingebüsst. Und sie hat den Weg bereitet für die sogar noch ergreifendere LP «Laughing Stock“ (Talk Talk, 1991) und das spätere Solo-Album von Mark Hollis (1998) – in der Gesamtschau alles Werke, die eine Blaupause und Quelle an Inspiration für Bands wie z. B. Radiohead gewesen sein dürften.
Happy Listening!
